PRIDE mit GAP & ZALANDO: LGBTQ-Geschichte mit Video und Mode-Fotos

Dr. Michaela Dudley • 26. Juli 2021
STORY OF PRIDE (DE/EN/IT)

(DE): Herzlichen Dank an @zalando und @gap für die wunderbare Möglichkeit, meine persönliche Geschichte zum Thema STONEWALL-AUFSTAND auf Video festzuhalten und dazu kommerzielle Mode-Shootings über die Bühne zu bringen. Die Zusammenarbeit war in jeglicher Hinsicht erstklassig.

(EN): Many thanks to @zalando and @gap for the wonderful opportunity to record my personal story about the STONEWALL UPRISING on video and to bring commercial fashion shoots to the stage. The collaboration was first class in every way.

(IT): Mille grazie a @zalando e @gap per la meravigliosa opportunità di filmare la mia storia personale sulla RIVOLTA DI STONEWALL e di portare in scena servizi di moda commerciali. La collaborazione è stata di prim'ordine sotto ogni punto di vista.

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Foto:
@roman_goebel
31. August 2026
Tim Curry und Udo Kier habe ich in den USA der 1970er-Jahre praktisch gleichzeitig entdeckt — und zunächst laufend miteinander verwechselt. Diese Verwechslung war kein Zufall, sondern lag in der fast magischen Ähnlichkeit ihrer Erscheinung begründet . Beide besaßen eine messerscharfe Physiognomie mit jener charakteristischen Augenpartie: stechend, hypnotisch, zwischen Melancholie und Abgrund schwankend. Dazu dieser unverwechselbare, fast raubtierhafte Haifisch-Mund, der im einen Moment verführen und im nächsten zubeißen konnte. Doch die Parallele ging weit über das Gesicht hinaus. Es war ihr gemeinsames Faible für eine prickelnde, subversive Erotik in der filmischen Avantgarde. Die Filme deckten die gesamte Bandbreite von Arthouse bis Grindhouse ab — Hauptsache Mitternachtsvorstellungen wie im Waverly Theater in Greenwich Village. „Ist das die Generation der Liebe? Heißes Blut, heiße Gedanken und heiße Taten? Wahrlich, sie sind Vipern.“ William Shakespeare, Troilus und Cressida, (Akt 3, Szene 1) Ausgerechnet der Sohn eines methodistischen Seelsorgers der Royal Navy sollte einmal eine der laszivsten Figuren der Popkultur verkörpern. Tim Curry wurde 1946 in Cheshire geboren, studierte Drama und Anglistik in Cambridge und Birmingham. Im Laufe seiner Theaterkarriere arbeitete er sogar mit der Royal Shakespeare Company zusammen. 1968 landete er allerdings mit Hair auf der Bühne. Dort begegnete er Richard O’Brien. Eine folgenreiche Bekanntschaft. 1973 stand Curry am Royal Court Theatre erstmals als Dr. Frank N. Furter in O’Briens The Rocky Horror Picture Show auf der Bühne. Zwei Jahre später brachte Jim Sharman die Figur ins Kino. Der hundertminütige Streifen machte aus dem Theaterschauspieler Tim Curry einen Kultstar—und aus dem Sohn des Marine-Kaplans eine Ikone des Glamours, der sexuellen Grenzüberschreitung und des queeren Camp. Wir spielten auch mit, aber so was von. Denn wir waren das glamouröse Gesindel der Mitternachtsvorstellungen—die treue, feierwütige Anhängerschaft der Rocky Horror Picture Show — hatte Englands Dichterfürst, der Barde von Avon, bereits im 17. Jahrhundert die passende Parole für uns parat: „Täuscht die Zeit durch ein der Zeit gemäßes Antlitz. Tragt die Unschuld wie die Blume, doch seid die Schlange darunter!“ William Shakespeare, Macbeth (Akt I, Szene 5) Unser Abenteuer begann nicht erst im Waverly Theater, sondern wohl vor dem Vorspann. Es war wie Halloween für Hedonisten, allerdings wöchentlich. Freitags und sonnabends gegen null Uhr. Immer wieder ging ich als Marilyn Monroe hin—oder zumindest als Andy Warhols fluoreszierende, pastellfarbene Pop-Art-Version der Norma Jean: blonde Perücke, rote Lippen, azurblauer Lidstrich, der kleine Schönheitsfleck am linken Kiefer. Als hellhäutige Black Bitch verzichtete ich allerdings auf White Facing . Ein paar Male setzte ich doch auf Green Facing. Es war zu Ehren der Lady Liberty, zumal ich 1961 das Licht der Welt gewissermaßen im Schatten der Freiheitsstatue erblickt hatte. Doch Marilyn konnte ich leichter verkörpern, ganz ohne Krone, Fackel, Steintafel und bodenlange Robe. Dennoch nicht ganz ohne Umstände. Einmal stand ich auf dem Gitterwerk über dem Subway-Schacht, wie dermaleinst die Marilyn im Verflixten Siebten Jahr an der Lexington Avenue, Ecke 52nd Street. Eine Provokation, und für mich eine Prophezeiung zugleich. Der Absatz meines High Heels blieb nämlich ungewollt hängen, Währenddessen donnerten die Züge darunter, jedwedes Mal fuhr eine polarähnliche Brise unter mein Kleid und ließ meine verschwtzen Schenkel kurz zittern. Kein Seven Year Itch, eher ein Seven Minute Glitch. fing schon unten in der New Yorker Subway an. Ein gefundenes Fressen für die Cat Callers. „So what ah ya? ... Hey, I'm talking heah! .... Wanna ride?“ Manchmal legten wir Dirnen, Drag und Drama Queens unser Kröten zusammen und stiegen in ein ikonisches Auto mit dem leuchtenden Schild auf dem Dach. Das , ohne zu wissen, ob wir De Niros Travis Bickle am Steuer erwischen würden. Taxi Driver hatte nämlich etwas bei den mordenden Mitgliedern der „Inceligentsia“ entfacht. Es gab allerdings Taxifahrer, die uns freie Fahrt versprachen. Dafür sollten auf dem Beifahrersitz Platz nehmen und gerne die Gangschaltung bedienen. Gleichsam im Händeumdrehen. Und ja, mit den Füßen ginge es auch. Wer mitmachte konnte auch ein paar Dollar einstreichen. Wer jedoch von der Sitte erwischt wurde konnte hingegen mit einem Freifahrtschein nach Rykers Island rechnen, und zwar mitsamt Blaulicht. Doch selbst ohne einen Quickie mit dem Chauffeur der gelben Limousine konnte die Sache gefährlich werden: In New York, rund ein Jahrzehnt nach den Stonewall Riots, konnten die 1845 erlassenen Maskierungs- und Verkleidungsvorschriften noch immer als polizeiliches Druckmittel dienen. Die berüchtigte Drei-Kleidungsstücke-Regel war eigentlich verfassungswidrig, aber wer auffällig in Negligés, Netzstrümpfen und Nietenhalsbändern durch Manhattan zog, war der Willkür grabschsüchtiger, geldgieriger Cops ausgeliefert. Irgendwie schien es verantwortlungsvoller und sicherer, mit der unterirdischen Geisterbahn zu fahren. Da ließen sich Ordnungshüter so gut wie nie erblicken. Man schob einen Token in den Schlitz des Turnstiles und drückte sich durch das Drehkreuz. Dann hinunter auf den Bahnsteig, hinein in das flackernde, rumpelnde Labyrinth unter Manhattan. Die Linie 1 südwärts bis South Ferry—für uns natürlich Soused Fairies. Stahl kreischte in den Kurven, die Wagen schwankten, Türen schlugen zu. Es roch nach Pisse und verbranntem Gummi. Wie Würmer krochen die Nachtgestalten aus den verstreuten Löchern des Big Apple. Wer Glück hatte, hockte zerquetscht auf den längs zur Wagenwand verlaufenden Bänken. die Beine dicht an den Körper gezogen, der Saum des Rocks rutschte ein wenig höher. Über den Köpfen glänzten die Handgriffe, an denen sich die Stehenden festhielten, als würden sie ihr Dasein in einem Sado-Maso-Club. Wir stiegen an der geschichtsträchtigen Haltestelle Christopher Street–Sheridan Square wieder hinaus. Dann stöckelten wir paar Blocks kreuz, quer und queer durch die Village. In Richtung der Sixth Avenue, wo das Waverly Stand. Auf dem Wege dahin passierten wir eine unscheinbare Kneipe. Ebenda hatte die afroamerikanische Transfrau und Aktivistin Masha P. Johnson 1969 den ersten Stein von Stonewall geworfen. Hier entfachte sich nach einer brutalen Razzia ein gewaltiges Sechstage-Rennen um Gerechtigkeit. Es geschah unmittelbar nach der Beerdigung der Diva Judy Garland, Ikone und Schutzheilige der LGBTQ-Szene. Über der Szenerie lag Garlands Somewhere Over the Rainbow , halb Sehnsuchtslie d, halb queere Hymne, während eine Community begann, sich ihren eigenen Regenbogen zu erkämpfen. „Leben ist nur ein wandelnder Schatten, ein armer Komödiant, der seine Stunde auf der Bühne stolziert und tobt und dann nicht mehr gehört wird ...“ William Shakespeare, Macbeth (Akt V, Szene 5) Vorhang auf: Zunächst kommt die Erzählung noch ganz unschuldig daher. Brad und Janet, frisch verlobt, stranden mit einer Autopanne vor einem düsteren Schloss. Riff Raff und Magenta gewähren ihnen Einlass. Doch die vermeintliche Unschuld hält nicht lange. Was folgt, ist kein gewöhnlicher Gruselschocker, sondern eine Nacht, nach der Brad und Janet nicht mehr dieselben sind. Fast alle Hauptfiguren weisen Elemente von Drag, Androgynität oder BDSM-Ästhetik auf. So trat Tim Curry, alias Dr. Frank N. Furter, in Erscheiunug. Strapsen, Pumps und Perlenketten auf. Stark geschminkte Augen, dunkler Lippenstift und ein spitzbübischer Blick vervollständigten den Look. aufsehenderregend und zugleich mit stolzer Nonchalance. Denn es ging nicht nur um ihn. Er präsentiert bald seinen künstlich erschaffenen Menschen: Rocky. Und nein, damit wird Sylvester Stallone in Boxershorts nicht gemeint—obwohl die Muskeln und die knappe Kleidung gar nicht so weit voneinander entfernt waren. Stallones Rocky I war auch bereits im Umlauf, und Rocky II war schon angekündigt. Dr. Frank N. Furters Rocky war allerdings blond und blauäugig. So entsprach er dem stereotypen „arischen“ Schönheitsideal der NS-Propaganda. Ja, auch mit dem Nationalsozialismus spielt The Rocky Horror Picture Show bewusst, als groteske Überzeichnung jener B-Movie-Welt, in der Richard O’Brien seine sexuelle und ästhetische Anarchie entfesselt. Rocky ist der Übermensch aus dem Labor. Magentas Ausruf „A triumph of your will!“ zitiert unüberhörbar Riefenstahls Triumph des Willens. Selbst Franks OP-Kittel trägt das rosa Dreieck – einst Kennzeichen homosexueller Häftlinge in den Konzentrationslagern, hier demonstrativ als Zeichen queerer Selbstbehauptung getragen. Und dann Dr. Everett von Scott, dessen Name und UFO-Forschung an die nach Amerika geholten deutschen Wissenschaftler der Operation Paperclip erinnern. Nazi-Ästhetik, Wissenschaftsmythos und sexuelle Befreiung werden so zu einem einzigen, herrlich geschmacklosen Popcocktail verrührt. Ergänzt wurde jener Popcocktail durch Popcorn. Knallmais flog durch den Kinosaal, als würden die Körner noch in der Pfanne brutzeln. Reis für die Hochzeit flog auf die Leinwand, Tunten warfen mit Toastbrot um sich, und Wasserpistolen spritzten den Schweiß von den Stirnen. Damals gab es die eiskalte Dusche von AIDS noch nicht. Wildfremde Menschen knutschten hemmungslos im Publikumsbereich. Es war trashy und grenzenlos. Dort drückten die Kinobetreiber ein Auge zu, und die Sitte hielt sich fern. Die einzigen Handschellen im Hause brachten Fans wie eine gewisse Becky Nussbaumer m it sich. Becky, alias Rebecca from Tribeca, war tagsüber eine ehe scheue Jewish Princess, Daddy`s Little Girl , nachts aber eine Hexe mit Peitsche. Wer zum ersten Mal zur Rocky Horror Picture Show kam, wurde als Virgin buchstäblich gekennzeichnet. Das große V auf der Stirn machte den Neuling kenntlich; danach begann die eigentliche Initiation. Vor der Leinwand traten die Shadow Casts auf, Fans in Kostümen, die jede Bewegung des Films live nachspielten. Aus Zuschauern wurden Mitspieler, aus Neulingen Eingeweihte, aus einer Mitternachtsvorstellung eine nächtliche Gemeinschaft: die Creatures of the Night. Wir waren eine Bande multisexueller Bastarde, Bitches und Butches, wild entschlossen, die Enden des binären Spektrums so weit auseinanderzuziehen, bis es schnalzte wie ein überdehntes Gummiband, Die Rocky Horror Picture Show war dafür nur der Anfang. Auch andere Filme, besonders jene mit Udo Kier, zogen dieses Publikum an. „Werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, Dann will ich gern zu Grunde gehn!“ Johann Wolfgang von Goethe, Faust I, „Kerker“ Für mich war Udo Kier das deutsche Gegenstück zu Tim Currys theatralischer Extravaganz. Das Drama lag Kier im Blut: 1944 in Köln während eines Luftangriffs geboren, entwickelte er einen Blick, der kälter als jede Pointe war. Wo Curry mit seiner Opernstimme verführte, genügten Kier seine eisblauen Augen und ein Hauch tödlicher Erotik. In den siebziger Jahren wurde er zur Muse von Paul Morrissey und Andy Warhol. Kier spielte die Hauptrollen in den Warhol Kultfilmklassikern Flesh for Frankenstein und Blood for Dracula – blass, lasziv, unheimlich. 1974 setzte Warhol ihn und sein Umfeld in Playboy ins Bild: Instant Warhol, eine dreiseitige Polaroid-Collage aus seinem Filmkosmos. Denke ich an Kier und sein Kinoopus, denke ich auch an Johann Wolfgang von Goethe – und an Mignon, jenes rätselhafte Wesen aus Wilhelm Meisters Lehrjahren: „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide!“ Ein Vers von schmerzhafter Schönheit, der erstaunlich gut zu Kiers morbider Mimik passt. Was viele nicht wissen: Als Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina führte Goethe den Beinamen „Arion IV.“ , wohl nach dem antiken Dichter Arion. Und Arion führt, fast wie ein geheimer Seitenpfad, nach Lesbos – zur Insel Sapphos, deren Name bis heute mit weiblicher Homoerotik verbunden ist. Goethe war der griechischen Antike und der äolischen Dichtung tief verbunden; Eros musste bei ihm nicht brav an den Grenzen bürgerlicher Geschlechterordnung haltmachen. Weit „her(r)geholt“? Eigentlich nicht. Und für die Androgynie passt Goethe ebenfalls: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.“ – Faust I. Zwei Seelen in der Brust? Bei mir gefühlt zwei Kilo Silikon im BH. Immerhin waren Kiers Filme, wie Currys, gender-biegend- und genre-brechend. Genau das sprach uns an. Als queeres Kind hatte ich Sand- und Schminkkasten gleichermaßen gierig durchwühlt. Schon die Namen der Kinos, in denen Warhols Streifen mit Kier uraufgeführt wurden, Trans-Lux East und Trans-Lux West, bergen bis heute eine köstliche Ironie. „Wie die Nase des Mannes, so sein Johannes.“ Anonymes Sprichwort aus dem Volksmund Das Trans-Lux West am Broadway war mit seinen knapp 160 Sitzplätzen wesentlich kleiner als das Waverly – und die Enge des Raumes ließ mich das Geschehen in der Nebensitzreihe hautnah miterleben. Ein Sitznachbar rückte seiner Begleiterin immer näher. Er war, im Gegensatz zu den meisten Anwesenden, nicht zwischen achtzehn und dreißig, sondern eher Anfang vierzig. Frack und Querbinder. Er knabberte erst an ihren Chips, dann an ihren Creolen. Anschließend zeigte er sich gnädig mit seiner eigenen Popcorn Surprise. Sie griff in den Pappbecher und stieß umgehend auf sein Vorkommen. Mit ihren ellenlangen Abendhandschuhen zermalmte sie beinahe seine Männlichkeit, wiederholt und sporadisch. Sie, seine Gattin, drapierte ihm schließlich einen filigranen Spitzenschleier über den Kopf, um Sichtschutz zu gewähren, und kicherte dabei immer wieder. Der Vorgang zog sich gleichsam in die Länge. Locker eine Viertelstunde. Während er tief Luft holte, ließ sie ein Satintaschentuch und sage und schreibe fünfzig Dollar auf den klebrigen Boden gleiten, wo sie die Scheine einfach zurückließen. Dann verschwanden sie vor dem Abspann und kamen nicht zurück. Ich war irritiert. War es Schweigegeld? Vielleicht sogar ein Angebot, sie zum Beispiel auf die Toilette zu begleiten? Oder geschah es nur aus Versehen? Die Kinokasse war zur Gespensterstunde jedenfalls nicht mehr besetzt. Anderentags, an einem regnerischen Sonntagmorgen, betrat ich die St. Malachy’s – The Actors’ Chapel, in schwarzen Turnschuhen und einem zerknitterten Trenchcoat. Unter dem Trenchcoat blitzte der Saum meines Cocktailkleids und verriet, dass die Nacht noch immer an mir haftete. Mit quietschenden Sohlen bewegte ich mich zur Reihe der Opferlichter, schob zwei Zwanziger und einen Zehner ein und zündete eine Kerze an. Auf die Beichte verzichtete ich diesmal. In einer anderen, viel größeren Kirche hatte ich bereits besondere Erfahrungen gemacht: Als ich anno dazumal im gelispelten Stakkato von meinen libidinösen Eskapaden erzählt hatte, war ich ziemlich davon überzeugt worden, dass die Priester, in einem Falle gar schweratmig, an ihren Sesseln geklebt hätten. Das Ritual erschien mir so oder so widersinnig: Nach dem lüsternen Beisammensein mit Wildfremden in einem dunklen Raum sollte ich einen Dark Room betreten, um einen anderen Wildfremden um Vergebung dafür zu bitten. Die beiden Wildfremden aus dem Kino blieben wild, aber nicht lange fremd. Einen Monat später sah ich sie im strahlenden Sonnenlicht nahe dem verrufenen Times Square wieder, ein wenig entzaubert. Diesmal in Alltagszivil. Polohemden von Lacoste und Lauren. Sie wirkten modisch out of place und doch trotzdem mit dem Strich vertraut. Man erinnerte sich. Aus peinlich berührtem Lächeln wurde ein spontanes Stelldichein bei Slice und Soda. Sie schwärmten von ihrem Haus auf Long Island und wollten mich unbedingt für ein Wochenende dorthin einladen. Jacuzzi, Jacquardhandtücher—sie priesen die Annehmlichkeiten an, als ginge es um das, was man heute Wellness nennen würde. Und sie stellten einen veritablen Marathon vor dem VHS-Player in Aussicht, eine cinematische Orgie, die sich von Jules et Jim bis hin zu John Holmes erstrecken sollte. Die Sammlung umfasse auch Tim Curry und Udo Kier, beteuerten sie. Sie dozierten mit Kennermiene über Die Geschichte der O und Hexen bis aufs Blut gequält. Es sei ihnen sogar gelungen, eine Bootleg-Kassette von Sperrmüll, Kiers einschlägigem Underground-Film, zu ergattern. Im Pizzaladen übernahmen sie höflicherweise die Zeche. Ich wollte gerade die Sache mit den fünfzig Dollar ansprechen, aber nach Slice und Soda empfahlen sie einen Aufbruch zu Chardonnay und Coke. Ein merkwürdiger Cocktail, dachte ich—bis ich begriff, dass es sich um Kokain handelte. Wie die Nase des Mannes, so fängt der Spruch an. Nun ja, Drogen waren nichts für mich. Ich bedankte und verabschiedete mich. Wenige Wochen danach liefen wir uns in der damaligen Sieben-Millionen-Metropole erneut über den Weg, und zwar nicht im Kinosaal, sondern bei einer Kunstausstellung in einem Loft. Die zwei trugen diesmal Lack und Leder. Ebenda im Meatpacking District war das ja üblich. Damals war ich übrigens noch keine eingefleischte Veganerin. Das angeheiterte Paar offenbarte, scheibchenweise beim Fingerfood, etwas mehr über sich: Er war Executive im World Trade Center, sie lehrte Kunst. Gay nannten sie sich nicht. Bi schon. Nach zwei weiteren Gläsern Rotwein bezeichnete sie sich immerhin als queerfreundliche Swingers. Ihr Kichern und Kokettieren hat sich tief in meine Erinnerung gebrannt. Falls die beiden heute noch leben, müssten sie um die neunzig sein. Wahnsinnig. „Wenn du gay bist, bist du gay. Wenn du hetero bist, bist du hetero. Und man sollte so sein dürfen, wie man ist und wer man ist. … Wenn du wirklich so ein guter Christ bist, wie du glaubst, warum verurteilst du dann andere? Das ist Gottes Aufgabe. Wir sollen einander lieben.“ Dolly Parton Es war eine Zeit, als die Buchstabensuppe der Regenbogen-Community so richtig zu brodeln anfing. Würzige Curry und schäumender Kier Royal haben dieser Suppe viel Geschmack verliehen. Auch das Geschmacklose schmekct den Hungrigen. Nur wenige Jahre nach den Stonewall-Aufständen trugen Figuren wie Curry und Kier maßgeblich dazu bei, das Queersein sichtbarer zu machen. Dann brachen die Achtzigerjahre an—und mit ihnen der rücksichtslose Horror von HIV über die queeren und sogenannten sex-positiven Communities. Positiv war damals ein Todesurteil. Mein Hedonismus ordnete sich meiner abrupt dominierenden Hypochondrie unter, auch und gerade als ich zeitweilig nach San Francisco umzog. Aus Angst vor einer Ansteckung verzichtete ich zwar nicht auf Sichtbarkeit, wohl aber auf Sex. Eine Femme sans fatale. Es erwischte mich nicht. Doch ein anderes Virus machte unnachgiebig die Runde: Queer-Bashing wurde angesichts der AIDS-Krise geradezu religiös betrieben. Viele Angehörige der Generation Z, ob gay oder straight , können sich heute kaum noch vorstellen, was es damals bedeutete, als queer geächtet zu werden. Umso verblüffender ist es, wenn die Pioniere von einst heute selbst an den Grundfesten dieser Freiheit sägen. Ausgerechnet Richard O’Brien, der mit seiner Rocky Horror Picture Show einst die Geschlechtergrenzen so lustvoll zertrümmerte, entpuppte sich später. Heutzutage geht er auf Distanz zur Trans-Community. Eine bittere Pointe der Popgeschichte: Der Mann, der uns lehrte, Geschlecht als Kostüm, Spiel und Spektrum zu begreifen, wollte von dieser Freiheit später offenbar selbst nicht mehr viel wissen. Er beschreibt sich selbst als 70 Prozent männlich und 30 Prozent weiblich – quasi als Third Sex. Eine hübsche Rechnung, oder? Nur fragt man sich, welche magische Schutzwirkung diese 70:30-Konstruktion eigentlich entfalten soll, wenn draußen Baseballschläger und J. K. Rowlings verbale Giftpfeile warten. Alldieweil feiern „Queers for Palestine“ die Hamas – deren Moralpolizei queere Menschen in Gaza drangsaliert und willkürlich hinrichtet. Währenddessen wehrt sich Boy George konsequent dagegen, zum Karma Chameleon zu werden. Unbeirrbar prangert er Antisemitismus an – und wird dafür in Teilen der „progressiven“ Community zur Persona non grata. Der Zeitgeist, stets die größte Gefahr für die Zukunft, lässt uns der Vergangenheit nicht entkommen. In diesem Sinne: fällt es nicht leicht, Abschied von zwei herausragenden Figuren der Filmavantgarde zu nehmen. Tim Curry ist am 25. August 2026 mit 80 Jahren gestorben; sein Seelenverwandter Udo Kier war ihm bereits am 23. November 2025 mit 81 Jahren vorausgegangen. Mögen die beiden schmerzlich vermisst und niemals vergessen werden. RIP, Tim & Udo. Let’s do the Time Warp again. Michaela Dudley Berlin, den 31. August 2026 Michaela Dudley (Jg. 1961) eine Berlinerin mit afroamerikanischen Wurzeln, ist Publizistin, Kabarettistin, Filmschauspielerin, Queerfeministin, Keynote-Rednerin und gelehrte Juristin (Juris Dr.). Liberal gesinnt, weder links noch rechts, engagiert sie sich gegen Antisemitismus, LGBTQ-Feindlichkeit, isogynie und Rassismus. Sie ist zudem eine eingefleischte Veganerin
von Dr. Michaela Dudley • 11. Juli 2021
Pride, Toleranz, Solidarität am Bahnhof Gesundbrunnen in Berlin: Dr. Michaela Dudley (Mitte) mit Martin Seiler, Vorstand der Deutschen Bahn für Personal/Recht (links), und Dr. Richard Lutz, Vorstandsvorsitzendem der Deutschen Bahn (rechts), bei der farbenprächtigen, feierlichen Einweihung des mit Regenbogenfarben verziertes Zuges ICE München. Gleich im Anschluss an die Einweihung fuhr der Zug als ICE 1005 nach München weiter.
von Dr. Michaela Dudley • 11. Juli 2021
Grafische Darstellung meiner Keynote-Rede zum Thema Diversity an die Führungsakademie der Bundesagentur für Arbeit bei der digitalen Veranstaltung VIRTUELLER MARKPLATZ DER VIELFALT, 05. Juli 2021. Grafik: (C) Anita Berner.
von Dr. Michaela Dudley • 11. Juli 2021
Großbild: Alexandra Friedrich, Leitung Kunstvermittlung der Galerie für Zeitgenössische Kunst (GfZK) in Leipzig, und Dr. Michaela Dudley, Rednerin und Workshop-Leiterin zum Thema Diversity, am 30. Juni 2021 in Leipzig. 2. Bild: Zusammen mit Beatrice Di Buduo, Leiterin der Pressestelle der GfZK.
11. Juli 2021
Dr. Michaela Dudley Dank Ulle Schauws, MdB und Fraktionssprecherin für Queerpolitik bei Bündnis 90/Die Grünen, wurde meiner Wenigkeit die Ehre zuteil, beim Parlamentarischen Regenbogenabend als Talkgästin aufzutreten: zwischen Anton Hofreiter, Claudia Roth, Rachel Levine (trans* Frau und Staatssekretärin im US-Gesundheitsministerium) und anderen. Ab ca. Minute 44 im Live-Stream im untenstehenden Video sprach ich über die Thematik Transsexuellengesetz / Selbstbestimmungsgesetz und forderte die Gesellschaft insgesamt zu mehr Solidarität mit der LGBTQ-Community auf. Aufzeichnung: https://www.youtube.com/watch?v=0J7G2Wn2LzU Meine diesbezügliche Kolumne in der TAZ: https://taz.de/Regenbogen-versus-Reichkriegsflagge/!5782302/
11. Juli 2021
Als Kabarettistin, Sängerin und Keynote-Rednerin glänzte Dr. Michaela Dudley beim bunten, sozialkritischen Sommerabendevent HAUSBESETZUNG in den Braunschweigischen Stiftungen am 24. Juni 2021. Dabei sang sie ihre neues Lied zum Thema Gay-Pride BE LOUD, BE PROUD.
11. Juli 2021
Michaela Dudley beim exklusiven Mode-Fotoshooting mit Video-Storytelling zum Thema LGBTQ-Pride am 18. Juni 2021 in Berlin. Danke allerseits für die wunderschöne Betreuung.
19. Juni 2021
Es war für mich eine Freude und eine Ehre, die live-gestreamte Präsenz-Veranstaltung Pro-Quote-Camp am 04. Juni 2021 vor Ort in Hamburg zu moderieren. Zusätzlich zur Moderation hielt ich einen kabarettistischen Impulsvortrag zum Thema Empowerment, dann leitete ich einen Diversity-Workshop. Der Austausch mit Kolleg*innen aus diversen Bereichen der noch zu diversifizierenden Medien empfand ich als anregend und erfüllend. Die Gleichstellungsinitiative Pro Quote e.V., 2012 in Hamburg ins Leben gerufen, fordert unaufhörlich, dass die Hälfte aller Führungspositionen in den Medien auf allen Hierarchiestufen von Frauen besetzt wird. Ganz herzlichen Dank an alle Mitstreidenden, darunter Edith Heitkämper, Vorsitzende von Pro Quote Medien e.V., Redakteurin und Wissenschaftsjournalistin beim NDR, und an Nataly Bleuel, freie Journalistin, Autorin und ebenfalls unermüdliche Kämpferin für die Gleichstellung im Journalismus. (md) https://pro-quote.camp/speaker/dr-michaela-dudley/ https://pro-quote.camp/programm-2021/
19. Juni 2021
Herzlichen Dank an Christina Landwehr-Rading für ihren Bericht über mich als Diversity-Beraterin, Journalistin und Kabarettistin in der ARD-Sendung BRISANT am 18. Mai 2021. Im Brennpunkt war mein Alltag als Schwarze, tran*s Frau, Journalistin udn Kabarettistin Wir drehten gänzlich in Leipzig, einem prickelnden Zentrum der Kreativszene. Erster Drehort war die Galerie für zeitgenössische Kunst, wo Pressesprecherin Beatrice Di Buduo über die Bedeutung der Vielfalt und über unsere Zusammenarbeit sprach. Anschließend ging es ins Kabarett Akademixer, wo ich über meine künstlerischen Ansätze reden durfte. Danke vielmals auch an die Zuschauenden für die gute Resonanz. (md)
19. Juni 2021
Interessant und Intimes in einem geistreichen, gemütlichen Ambiente. Dr. Michaela Dudley im Interview mit der wunderbaren MDR-Moderatorin Ilka Hein in der Hörfunk-Sendung Kulturcafé, im Leipziger Kabarett Akademixer aufgenommen. Erstausstrahlung 16. Mai 2021. Redaktion: Gabriele Bischoff. Mediathek-Link: https://www.mdr.de/kultur/radio/ipg/sendung-658070.html